Puchheim, den 9.2.2025
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Wittwer,
sehr geehrter Herr Krach,
als ich 2013 Professor Heribert Prantl als Gastredner für unseren damaligen SPD-Neujahrsempfang in Puchheim gewinnen wollte, bezeichnete er in seiner Antwort meine Einladung als „Schwarzwälder Kirschtorte unter den Anfragen der vergangenen Wochen.“ Ich fühlte mich damals natürlich sehr geehrt.
Heute, knapp zwölf Jahre später, stand zu lesen, dass die Süddeutsche Zeitung ihre Lokalteile deutlich eindampfen (im Wirtschaftsjargon nennt man das wohl „straffen“) und die meisten lokalen Redaktionsbüros schließen wird.
Für viele Leserinnen und Leser ist der jeweilige Lokalteil der SZ eben genau die zuvor schon erwähnte Schwarzwälder Kirschtorte im Blätterwald. Außer dem Münchner Merkur gibt es in unseren Breitengraden eben nur die SZ mit einem Lokalteil, der journalistischen Ansprüchen gerecht wird.
Mir ist klar, dass die Medien und insbesondere die Presse seit langem mit dem harten Wettbewerb, dem Kostendruck und anderen Unbilden der Branche zu kämpfen haben.
Dennoch, oder gerade deshalb, bin ich der Meinung, dass sich die Süddeutsche Zeitung mit dieser Entscheidung nicht nur einer ihrer bisherigen Stärken beraubt, sondern auch den Bezug zur „Basis“, den Bürgerinnen und Bürgern in den Städten und Gemeinden, ein großes Stück weit verlieren wird. Und das in einer Zeit, in der viele Menschen die Presse ohnehin schon als abgehoben und/oder unglaubwürdig ansehen.
Für mich war die SZ in allen Belangen immer DER Gradmesser, auch und insbesondere, was lokalpolitische Themen angeht. Das Fürstenfeldbrucker Tagblatt als Gegenspieler war und ist gut in der Berichterstattung, die SZ vor allem in der politischen Einordnung und Kommentierung.
Es wäre traurig, wenn die Süddeutsche Zeitung ihren Anspruch, auch in der Region verwurzelt zu sein und ernst genommen zu werden, aufgeben würde. Denn die Menschen wollen nicht nur die großen Schlagzeilen aus aller Welt. Sie wollen auch wissen, was bei ihnen vor Ort, in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld, passiert. Sie wollen nicht nur eine Berichterstattung, die diesen Namen auch verdient, sondern sie wollen auch eine fundierte journalistische Einordnung. Ein Dreizeiler im Bayern-Teil wird dem sicher nicht gerecht.
Demokratie, sagt man, fängt von unten an. Also in den Städten und Gemeinden. Da, wo sich das Leben abspielt. Da, wo unsere Gesellschaft tatsächlich stattfindet. Eine Süddeutsche Zeitung, die über das, was vor Ort passiert, nicht mehr oder nur noch am Rande und in aller Kürze berichtet, legt mit die Axt an unsere Demokratie. Wollen Sie das wirklich?
Ich kann daher nur an Sie appellieren, Ihre meines Erachtens kurzsichtige Entscheidung zu überdenken und zu revidieren, soweit dies überhaupt noch möglich ist.
Mit freundlichen Grüßen aus einer der vielen tausend Keimzellen unserer Demokratie in Deutschland
Jean-Marie Leone
SPD Puchheim
Der Leseranwalt der Süddeutschen Zeitung, Tom Soyer, früherer stellvertretender Redaktionsleiter der Fürstenfeldbrucker SZ, hat mir bereits am 10.2.2025 sehr ausfühlich geantwortet. In Absprache mit ihm darf ich seine Rückmeldung hier im Folgenden veröffentlichen:
"Sehr geehrter Herr Leone,
danke für Ihre Zuschrift, für Ihr Eintreten für bewährten SZ-Lokaljournalismus - und für die Gelegenheit, Ihnen zuständigkeitshalber als Leseranwalt (Ombudsmann) der SZ-Redaktion die für das zweite Quartal 2025 vorgesehene Reform der Regionalberichterstattung näher zu erläutern.
Die wichtigste Nachricht dabei: Die Süddeutsche Zeitung wird auch künftig aus den Landkreisen rund um München berichten, und mit dort bekannten Redakteurinnen und Redakteuren unterwegs sein - sie wird ihre Regionalberichterstattung nicht aufgeben. Anderslautende Behauptungen sind falsch.
Richtig ist, dass wir planen, unsere Redaktionsbüros aufzugeben in den Landkreisen. In Zeiten von Homeoffice-Arbeit ist es einfach nicht mehr ökonomisch sinnvoll, die ehedem großzügigen Büroräume, die mittlerweile ohnedies oft verwaist sind, weiterhin anzumieten. Das steht also vor allem in Zusammenhang mit der sich verändernden Arbeitswelt und ist auch ein vernünftiger Schritt, um eben gerade nicht an Qualität und Köpfen zu sparen.
Wichtig ferner: Im Zuge dieser Reform schließt die Süddeutsche Zeitung betriebsbedingte Kündigungen aus. Bewährte, erfahrene Reporterinnen und Reporter in der Region werden sich auch künftig mit ihrer Expertise ganz auf das konzentrieren, was die regionale Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung ausmacht: die besten lokalen Geschichten, relevant, gut recherchiert, erzählt im Ton und mit Qualitätsanspruch der SZ.
Wie alle Tageszeitungen entwickelt die SZ ihr Angebot aber angesichts der veränderten Geschäftsentwicklung kontinuierlich weiter und passt es den veränderten Lesegewohnheiten an.
Die SZ wird deshalb ihre digitale Kompetenz im Großraum München und Bayern weiter stärken, um dort bei den digitalen Abos noch kräftiger zu wachsen. Das betrifft alle digitalen Kanäle, insbesondere die Website, Social Media und Newsletter.
Neben der Weiterentwicklung im Digitalen wird die SZ aber auch in der gedruckten Zeitung weiterhin ein besonderes Augenmerk auf die Berichterstattung aus den Landkreisen rund um München legen. Alle Print-Abonnenten in den Landkreisen rund um München bekommen auch künftig neben dem umfangreichen München- und Bayernteil täglich zwei Seiten mit den besten Geschichten aus der Region. Die SZ wird dabei über wichtige Themen aus Politik und Gesellschaft ebenso berichten wie aus den Bereichen Verkehr, Kultur, Gastronomie oder Freizeit. Geplant und gesteuert werden diese Themen von erfahrenen Lokalredakteuren, die sich in der Region rund um München sehr gut auskennen. Die SZ wird mit dieser Reform auf Inhalte setzen, die von lokalem Interesse sind, aber auch über die Region hinaus Leser finden, weil die Themen exklusiv oder beispielhaft sind und die Geschichten nah am Menschen erzählen.
Von einem "Abschaffen" der Regionalausgaben kann also keine Rede sein. Vor allem aber sollten Sie sich nicht irritieren lassen, weil manche da falschen Alarm ausgerufen haben, meine ich, sondern an der bewährten Frühstücksfreundschaft zur SZ festhalten und die Umstellung in Ruhe abwarten. Sie wird voraussichtlich im zweiten Quartal 2025 passieren, und derzeit laufen auch sehr konstruktive Gespräche mit allen Beteiligten, um die konkreten Details festzulegen. Da können sich auch noch Details ändern, etwa, was die Redaktionsstandorte angeht (eventuell bleiben kleinere Redaktionsstützpunkte). Reporternetzwerke bleiben auf jeden Fall in den Landkreisen erhalten, mit bewährtem Personal (siehe die Garantie oben, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird). Da sind wir in einem laufenden Prozess, und deshalb sind wir zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht selbst an die Öffentlichkeit gegangen damit.Leider wurden Informationen aus einer internen Informationsveranstaltung vor Weihnachten nach außen getragen und unvollständig oder missverständlich, jedenfalls teilweise ohne sorgfältige Recherche, weiter verbreitet.
Umso besser, dass Sie direkt an der Quelle nachfragen, Herr Leone. Sie sehen: Es steht wirklich nicht zu befürchten, dass wir den Kontakt zur Basis verlieren – wir sind uns unserer demokratischen Verantwortung absolut bewusst.
Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung, Sie erreichen mich auch telefonisch unter 089/2183-488. Sie kennen mich vermutlich auch noch aus meiner Zeit als stellvertretender Redaktionsleiter der Fürstenfeldbrucker SZ, ich bin selbst mit der SZ-Regionalberichterstattung seit Jahrzehnten eng verwurzelt, antworte Ihnen aber hier in meiner jetzigen Funktion als SZ-Leseranwalt.
Bleiben Sie uns gewogen – und bleiben Sie verlässlich gut informiert. Über Puchheim wie über Peking, wie ich in Abwandlung eines Uralt-Werbeslogans der SZ sagen möchte („…von Pöcking bis Peking“).
Mit besten Grüßen!
Tom Soyer
––
Redakteur, Leseranwalt (Ombudsmann) // Süddeutsche Zeitung
Leseranwalt@sz.de"